Jetzt sind es schon über zwei Jahre, die ich hier lebe.
Alltag ist überall Alltag; in Bogotá fühlt er sich an manchen Tagen besonders eng an, weil kurze Wege lange dauern und man trotzdem keine Zeit hat, manchmal nichts vorangeht und gleichzeitig alles weiter hetzt.
Doch abseits davon ist mein Leben groß und tief, ein Ozean voller Momente, die sich echt anfühlen. Natürlich frage ich mich ab und zu, ob ich hier gerade am richtigen Ort bin. Wenn ich die dreißigsten und achtzigsten Geburtstage, die Hochzeiten und Geburten verpasse. Oder auch die ganz normalen, unaufgeregten Tage. Die, die leise an einem vorbeiziehen und erst später, in der Erinnerung wichtig werden, weil sie sich einreihen in Geschichten, die irgendwann von Freundschaften und Familie erzählen. Bei Mama im Garten sitzen, Kirschen ernten, einen Rotwein trinken, den Grill anmachen und mit den Geschwistern darum streiten, wer nach dem Essen den Geschirrspüler einräumen muss. Mit Papa auf der Karli Mittagessen, von dort in die Stadt spazieren, über Politik und die Liebe reden, laut lachen, sich zum Abschied in den Arm nehmen und für Trash-TV verabreden. Kochen mit Oma und Opa und Karten spielen, mit Freunden auf dem Balkon sitzen oder mit dem Rad an den See fahren, dort nebeneinander liegen und sich jeden Sommer neu erinnern, an das erste Mal, das man hier betrunken war, an den Liebeskummer, den man hier ausgeweint hat, an die Sternschnuppen, die man hier gezählt hat. Momente, die ich haben könnte.
Aber dann denke ich: Wie kann ich nicht am richtigen Ort sein, wenn mich auch diese Momente, zusammen mit all den kleinen Entscheidungen, die ich getroffen habe, genau hier hergebracht haben? Ich bin hier trotz all’ dem und ich bin hier wegen all’ dem. Ich hatte Angst, einen Weg nicht zu gehen, der erstmal abwegig scheint, wenn man vor nichts wegrennen muss. Und den Schritt gegangen zu sein, hat mich größer gemacht – ich habe viel gelernt oder es zumindest versucht.
Mir kommt das Bild von einer Seiltänzerin, die mit ausgestreckten Armen und wackligen Beinen Fuß vor Fuß setzt, unter ihr ein Abgrund, in dem Sicherheit und Freiheit ineinander greifen.
In den letzten beiden Jahren habe ich nur gemacht, worauf ich Lust hatte. Keine Kompromisse, kein schlechtes Gewissen, nie hab ich mich so frei gefühlt. Nach dem Motto: Mein Leben ist schön, wenn du Lust hast mitzumachen, gerne, wenn nicht, auch gut. Ich bin zu meiner besten Freundin geworden und wenn mich Einsamkeit noch nie gestört hat, dann ist sie jetzt zu einer vertrauten, treuen Gefährtin geworden, die mich nie enttäuscht, auf die ich immer setzen kann. Der Film „Into the wild“ berührt mich tief, weil etwas in mir diese Sehnsucht nach Einsamkeit nachvollziehen kann, nach einer unantastbaren Stille, der totalen Unabhängigkeit. Einsamkeit ist Sicherheit und Freiheit zugleich. Zumindest bis zur Hälfte des Seils, bis zur Mitte des Abgrundes.
Tief im Inneren weiß ich auch, dass Einsamkeit nicht gleich Freiheit ist und auch keine Sicherheit garantiert. Ich muss zugeben, dass das Leben mehr Farben hat und heller leuchtet, wenn man es schafft, sich in der Gesellschaft anderer Menschen genauso frei, genauso sicher zu fühlen, wie wenn man allein ist.
Es war leicht für mich, sich mit der Einsamkeit anzufreunden, es war viel schwerer wieder Platz zu machen für andere Menschen.
Vor zwei Jahren habe ich in mein Tagebuch einen Satz geschrieben: Wie viel Konjunktiv erträgt das Leben?

































