9 Monate Kolumbien.
Seit ich weggegangen bin, hat sich mein Leben aufgepustet wie ein Luftballon. Da ist mehr Platz und ich nutze ihn, mehr Fläche und ich breite mich auf ihr aus.
Und dann muss ich an die Endszene von „American Beauty“ denken, in der man sieht, wie der Wind eine Mülltüte kurz in die eine, dann in die andere Richtung zieht. Dazu diese melancholische und gleichzeitig so schöne Musik und der Satz: „Sometimes, I feel like I’m seeing it all at once, and it’s too much – My heart fills up like a balloon that’s about to burst.“
Das Gefühl ist mir hier vertraut geworden, es ist so viel, es ist so voll, es ist so gleichzeitig.
Was hat sich denn verändert? Mein Morgen beginnt immer noch mit Kaffee und Tagebuch, nur sitze ich an ganz anderen Orten. Und dort denke ich an, schreibe von den gleichen Menschen, die mich in den letzten Jahren begleitet haben. Aber auch von einigen Menschen mehr, die mir hier wichtig geworden sind – die glücklich sein müssen, damit ich es bin. Manchmal denke ich, es wäre schön, wieder „die eine Person“ zu finden, mit der ich im gleichen Team spiele. Um die ich mich drehe und umgekehrt. Aber dann merke ich, wie glücklich ich gerade alleine bin, weil ich tun kann, was ich will, wo ich will, mit wem ich will. Außerdem bin ich gar nicht allein. Ich fühle mich gehalten im Vermissen meiner Familie und Freunde und dann sind da die neuen Freundschaften, die hier auf mich gewartet haben, ohne, dass ich von ihnen wusste.
Ich vermisse den Frühling, den Duft nach Bärlauch und Flieder und den Blick über sonnengetränkte Rapsfelder. Meine Familie, meine Freunde. Und ich vermisse deutsches Brot. Aber dann bin ich nach 10 Tagen Peru Sonntagabend auf der Suche nach Arepa con queso, abends weht es kühl aus den Anden und wenn ich vorm karibischen Meer stehe und meine Füße in warmem Sand versinken, weiß ich gar nicht mehr, wie sich der Herbst anfühlt.
Ich weiß aber, dass ich nicht mehr so viel Angst habe. Weniger Angst… davor, dass etwas passiert. Und noch weniger davor, dass etwas nicht passiert.


